Das 19. und 20. Jahrhundert

Mit der Mediationsverfassung von 1803 wurden Bodenzins und Zehnten «ablösig». Die Schuldner konnten ihre jährliche Zinszahlungspflicht aufkünden und sich durch eine Kapitalzahlung davon lösen. Der Bodenzins von fünf Bodenzinsbezirken ging an die Stadt Brugg, der übrigen acht an den Staat Aargau, ebenso einige Spezialzinse. Diese Zinse wurden bis etwa 1840 alle aufgekündet. Das gleiche geschah in der gleichen Zeit auch mit dem Zehnten.

Zehntenempfänger waren die Inhaber des Kirchensatzes. So gingen 2/3 an die Stadt Brugg und 1/3 an den Staat Aargau. Beim Weinzehnten an die Stadt Brugg dauerte es allerdings bis nach 1860 bis zum Loskaufe. Alle diese Loskäufe brachten eine grosse finanzielle Belastung für alle Leute.

Auf dem Geissberg wurde der Ackerbau schon bald nach 1800 aufgegeben, ebenso auch nach und nach die Bewirtschaftung der Felder nach dem System der Dreifelderwirtschaft und nach rationelleren Bewirtschaftungsarten gesucht. Aber die Ernährung einer anwachsenden Bevölkerungszahl war in Notzeiten nicht gewährleistet.

Spätestens seit dem 13. Jahrhundert war Villigen auch ein Weinbauerndorf. Hauptweinberg war immer, wie auch heute noch, der Rebberg. Schon früh werden auch andere Reblagen genannt, so im Diebetal, die Steinenreben, der Husberg, der Komet, im Chestel, in den Gaben und andere mehr.

1812 und 1827 wurden im Nollen Ortsbürgerwald gerodet und Reben angepflanzt, ebenso auch im Schlossberg im Jahre 1837 und zuletzt noch 1872 im Steinbruch. Nach 1880 traten vermehrt Rebkrankheiten auf, die eine starke Verminderung der Rebanbaufläche bewirkten. Erst die neueste Zeit bringt wieder mehr Neuanbau, aber nur noch in den Lagen Schlossberg, Rebberg und Steinbruch. Von den alten Trotten, der Mittleren, der Unteren und der Fuchstrotte ist keine mehr im Betrieb.

Das 19. Jahrhundert brachte vorerst ein starkes Anwachsen der Bevölkerung. Hier die bekannten Zahlen:

1766: 493 E 1836: 688 E 1850: 733 E 1860: 701 E 1870: 691 E 1880: 699 E
1890: 643 E 1900: 591 E 1910: 559 E 1920: 610 E 1930: 601 E 1941: 581 E
1950: 630 E 1960: 628 E 1970: 779 E 1980: 927 E 1990: 1247 E

Mehrmals traten im gleichen Jahrhundert wegen sehr schlechter Witterung Missernten ein, die zu Hungersnöten führten. Das erstemal im Jahre 1816. 1817 kam es deswegen zur ersten Auswanderungswelle nach den USA. 2000 Aargauer verliessen ihre Heimat. Tragische Berühmtheit erlangte die Auswanderungsgesellschaft der Gebr. Märki von Rüfenach. Als die ca. 400 Auswanderungswilligen nach Amsterdam kamen, und der Kapitän des zur Ueberfahrt verpflichteten Schiffes die Anzahlung erhalten hatte, fuhr er davon, ohne die Leute mitzunehmen. Etwa 200 der Zurückgelassenen konnten nach einem halben Jahr doch noch nach Amerika fahren, darunter war wahrscheinlich auch Johannes Vogt von Villigen mit seiner Frau Katharina Wüthrich. Von den Uebrigen der Gesellschaft zog ein Teil wieder heim, ein Teil starb oder blieb verschollen. Eine weitere Auswanderungswelle folgte 1833 bis 1837, und ab 1847 bis 1896 zogen fast jährlich einige weg. Total wagten 193 Villiger die Fahrt über das grosse Wasser.


Das dörfliche Dienstleistungsgewerbe für Landwirtschaft, Weinbau Kleidung blieb noch bis ins 20. Jahrhundert gleich wie im 18. Jahrhundert. Heute ist es praktisch verschwunden.

Anfangs des 19. Jahrhunderts waren Baumwoll- und Leinenweberei für die Dorfleute noch ein guter Verdienst. So liess 1815 bis 1828 Lehrer Jakob Vogt durch Leute im Dorf und auch in Oberburg bei Windisch Tuch und Zwuch weben. Weblohn zahlte er in Villigen 6,5 bis 7,5 Rappen pro Eile und in Oberburg 10 Rappen pro Eile. Aber auch dieser Erwerb fiel der Wirtschaftskrise der ersten Hälfte des Jahrhunderts zum Opfer. Die Leute mussten in der aufkommenden Industrie Arbeit suchen.

Das 1784 beim Halseisenbrunnen erbaute Schulhaus war bald zu klein für die stets grösser werdende Schülerzahl. 1798 waren es 168 Schüler, 95 Knaben und 73 Mädchen und dazu zwei Lehrer. 1828 bis 1830 wurde das Schulhaus im Winkel, in der Heuelmatt, gebaut und ihm 1921/22 noch eine Turnhalle zugefügt.

Die Strassen müssen anfangs des letzten Jahrhunderts in sehr schlechtem Zustand gewesen sein. Es wurden die Gemeinden durch den Kanton aufgefordert, die Strassen in ihrem Gemeindegebiet instandzustellen oder neu zu bauen. So musste Villigen die Strasse vom Dorfe bis zum Schmidberg 1824/25 ganz neu anlegen, 1825 die Strasse von der Linde unter der Kirche Rein bis zum Dorfe instandstellen und 1826 die Strasse über den Rotberg, vom Schmittenbrunnen an (vorher war der Ausgangspunkt beim Halseisenbrunnen) und durch den Juherain zur Egg, zum grossen TeiL neu bauen. 1827 fiel die Brücke über den Kometbach in der Landstrasse zusammen. Dies bedingte einen Neubau dieses Bachüberganges. Machen wir das Strassenbaukapitel gleich fertig: Im Jahre 1879 wurde die Beispenstrasse nach Hottwil neu gebaut. Der Bau der Aarebrücke in Stilli im Jahre 1903 verlangte auch eine Zufahrtsstrasse von Villigen her. Um 1950 entstand die heutige neue Rotbergstrasse.

Von 1854 bis ca. 1877 pflanzte man auf dem Geissberg wieder Kartoffeln, Getreide, Flachs oder Lewat und zwar nach der Methode der Waldfeldwirtschaft. Am Anfang wurde eine Waldrodung vier Jahre lang mit Ackerfrüchten bestellt und dann wieder aufgeforstet. Später mussten schon im zweiten Rodungsjahr bereits wieder Waldpflanzen gepflanzt und die andere Nutzung dazwischen gesät werden.

Als die Kirche Rein 1859 neu gebaut werden sollte, machte eine Gruppe Villiger den Vorschlag, die Gemeinde solle eine eigeneKirchgemeinde bilden und aus der Kirchgemeinde Rein austreten. Nach langem Hin und Her wurde das Begehren abgelehnt, Villigen blieb bei Rein.

1862 konnte die ortsbürgergemeinde den letzten Staatswald in den Büechlen kaufen.

Das 19. Jahrhundert brachte eine grosse bauliche Entwicklung. Der Hauptstrasse entlang im Meierhof, in der Mühle und auf Aerbslet ausserhalb der Brücke, aber auch an der Strasse gegen Böttstein und auch im Dorfe selbst, entstanden neue Häuser, oder wurden alte umgebaut. 1809 hatten 39 Häuser Strohdächer und 69 bereits Ziegeldächer. 1899 waren es 23 Strohdächer und 177 Ziegeldächer. Das letzte Strohdachhaus wurde 1920 abgerissen und an seinem Platze eine grosse Scheune gebaut. Zwei Strohhäuser waren schon früher abgebrannt, die «Ruederhütte» 1904 und der alte «Öelberg» 1906.

Vor der Jahrhundertwende setzten noch Entwicklungen ein, die teilweise bis heute weitergehen: Nach der Aufgabe der Dreifelderwirtschaft versuchte die Landwirtschaft produktiver zu werden. In Kursen und später auch in landwirtschaftlichen Schulen wurden die Bauern mit neuen Anbau- und Düngungsmethoden bekanntgemacht. Schon bald merkten die Villiger, dass die uralte Feldeinteilung, parzellierung und Erschliessung durch Feldwege, Jeder rationelleren Bearbeitungsmethode hinderlich war. So wurde schon 1889, der wahrscheinlich schlimmste Teil, Neuzelg, neu parzelliert und durch Wege erschlossen. 1905 bis 1910 machte man dasselbe in den Fluren Vorhard - Lätten - Hinterweiher. 1909 bis 1915 kamen Niederhard - Juhen - Leim - Aerbslet an die Reihe und 1934 bis 1953 noch die Gebiete Hinterdorf-Unterfeld, Oberfeld - Rotberg, Nassberg sowie noch andere kleinere Gebiete. Ausstehend ist immer noch die Regulierung des Privatwaldes.

Gründung von patriotischen Vereinen und von Genossenschaften:

1842: Männerchor, später in einen Gemischten Chor umgewandelt
1865: Musikgesellschaft
1676: Schiessverein
1894: Landwirtschaftliche Genossenschaft Villigen
1919: Turnverein
1944: Damenriege
1943: Raiffeisenkasse Villigen

Wasserversorgungsanlagen durch Einleiten von Wasser in die Häuser:

1888/89 leiteten zwei Häuserbesitzer Wasser von der Haselquelle in ihre Häuser. Diese Anordnung weckte auch Interesse im Dorfe. Aber 10 Jahre wurde über die Errichtung einer solchen Anlage gestritten. Endlich im Frühjahr 1898 kam es zu einem Baubeschluss durch die Gemeindeversammlung. Das Wasser der Stampfelbachquelle wurde neu gefasst, ein Reservoir gebaut und ein Leitungsnetz erstellt. Wassererguss der Quelle 30 bis 1800 1/min. Die Anlage befriedigte nicht. In den trockenen Sommern um 1920 herrschte Wassermangel. Es wurde beschlossen, ein Grundwasserpumpwerk zu erstellen. 1923 machte man eine Versuchsbohrung bei der Brücke im Komet. Das Ergebnis war unbefriedigend. Trotzdem baute man das Pumpwerk fertig. Nach wie vor war Wassermangel. 1941 beschloss die Gemeinde, weiter aarewärts eine neue Bohrung abzuteufen, an dem Orte, den drei Geologen schon 1923 vorgeschlagen hatten. Der pumpversuch befriedigte in jeder Beziehung. Ausgebaute pumpenleistung 1000 bis 1200 1/min. Beim Bau des SIN wurde unsere Wasserversorgung mit der von Würenlingen und später noch mit dem Pumpwerk der Stadt Brugg in den Juhen zusammengeschlossen.

1909 Einrichtung der Elektrizitätsversorgung durch die Motor AG in Baden.

Nachfolgend noch ein paar Angaben aus der jüngeren Vergangenheit:

1929 Pflästerung der Hauptstrasse. Im zentralen Dorfteil mit «Bsetzisteinen».
1977/78 Neubau der Hauptstrasse mit Trottoir.

1936 Im Zusammenhang mit der Güterregulierung, Bau von ersten Kanalisationen.
1965/66 Bau der ersten Kläranlage im Kumet. 1987 Bau der neuen Anlage.

1948/1949 Die Badi im Kumet wird gebaut.

1991 Nach einer umfangreichen Sanierung wird die Badi anlässlich des Begegnungstages am Heimatort vom 11. Mai 1991 eingeweiht.

1954 bis 1960 richtete das portland-Cement-Werk Würenlingen - Siggenthal AG einen Steinbruch am Geissberg ein. Die Förderung des Ausbruchmaterials zur Fabrik erfolgte zuerst mit einer Seilbahn und ab 1967 mit Förderband.

Nachdem schon im letzten Jahrhundert der Gemeinderat mehrmals den Abbruch der baufälligen Kirche verlangt hatte, die Ortsbürger dies aber immer abgelehnt hatten, wurde endlich 1961 der Turm und 1965 das Schiff renoviert.

1970 Bau eines Gemeindehauses auf Aerbslet

1972 Bau eines Kindergartens auf Aerbslet.

1977 bis 1980 Bau der neuen Schulanlage auf Aerbslet mit grosser Turnhalle.

Wann kamen die Leute ins Dorf, die es bis in dieses Jahrhundert hier aushielten?
Besser, wann wurden sie erstmals erwähnt?

1379: Karli
1379: Vogt
1386: Kihler
1396: Meier
1453: Finsterwald
1464: Zimmermann
1491: Süss
1536: Kern
1540: Baumann
1549: Märki
1614: Keller
1635: Senn
1644: Schwarz von Hettischweil (BE 7)
1670: Schödler von Vilinachern
1692: Fehlmann von Menziken
1702: Urech von Niederhaliwil
1713: Hirt von Rein
1713: Müller von Niederkulm
1848: Schmid ein Landsasse

Ehrenbürger
1977: Widmer Oskar, alt Gemeindeammann
1979: Vogt Werner, alt Gemeindeschreiber
1998: Hegnauer Walter, alt Dorfschullehrer

Oskar Widmer




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